Irgendwo zwischen Kunst und Mord findet man vielleicht den Menschen 2666 von Roberto Bolaño

Irgendwo zwischen Kunst und Mord findet man vielleicht den Menschen 2666 von Roberto Bolaño

11. Juni 2018 0 Von Yvonne

Es gibt eine Stadt im Norden Mexikos, direkt an der Grenze zu den USA, in der eine Mordserie an Frauen bereits Jahrzehnte andauert. Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie intensiv ermittelt wird, wie ernst die Morde von offizieller Seite genommen werden und wie wahrscheinlich es ist, dass sie in absehbarer Zeit enden werden, muss nur versuchen, herauszufinden, seit wann diese Morde stattfinden und wie viele Frauen und Mädchen ihnen zum Opfer gefallen sind. Das weiß nämlich niemand so genau. Seit Anfang der 1990er Jahre zählt man so ungefähr mit, und zwischen mehreren Hundert Opfern pro Jahr oder insgesamt ist wahrscheinlich alles möglich.

Ciudad Juárez – so heißt die Stadt – liegt so nah an den USA, dass sie mit ihrer „Zwillingsstadt“ eine Einheit bilden würden, wenn keine Grenze dazwischen läge. Das kommt nicht von ungefähr. Geschützt durch das nordamerikanische Freihandelsabkommen werden hier in sogenannten Maquiladoras Waren für den Export in die USA durch Arbeitskräfte zusammengesetzt, die dafür Niedrigstlöhne erhalten. Niedrig ist aber immer noch mehr als gar nichts, und so sind die Städte an der Grenze rassant gewachsen. In Slums rund um die Fabriken wohnen vor allem Arbeiterinnen. Wer keinen der begehrten Fabrik-Jobs bekommt, landet früher oder später in der Prostitution. Und natürlich haben auch Drogenkartelle hier enormen Einfluss – zwei verschiedene, die um die Vorherrschaft kämpfen, und so ebenfalls dazu beigetragen haben, dass Ciudad Juárez nach wie vor eine der verbrechensstärksten Städte der Welt ist. Ein Handelskrieg der anderen Art sozusagen.

2004 erschien postum der Roman 2666 von Roberto Bolaño, in dem dieser die Verbrechen von Ciudad Juárez in die fiktive Grenzstadt Santa Teresa verlegt, vom Bundesstaat Chihuahua ins westlich angrenzende Sonora, und anhand dieser Morde und sich lose oder weniger lose um sie rankender Ereignisse ein Bild der Menschheit und ihrer Verfassung entwirft. Und ja, das Bild ist nicht sehr erfreulich.

Niemand schenkt den Morden Beachtung, dabei liegt in ihnen das Geheimnis der Welt verborgen.

Dabei beginnt der Roman eher wie ein intellektuelles Versteckspiel. Im ersten der fünf Teile des Buchs – dem Teil der Kritiker – lernen sich drei Literaturwissenschaftler und eine Literaturwissenschaftlerin aufgrund ihrer Verehrung eines Schriftstellers kennen. Benno von Archimboldi, laut Meinung der Kritiker der beste deutsche Schriftsteller der Nachkriegszeit, ist zwar kein wirklicher Geheimtipp mehr, dennoch bilden sich Jean-Claude Pelletier, Manuel Espinoza, Piero Morini  und Liz Norton ein, die einzigen zu sein, die ihn wirklich verstehen. Da der Schriftsteller seit Jahrzehnten verschollen ist – und der Name ziemlich sicher ein Pseudonym – nehmen die vier sich vor, ihn zu finden, bevor es zu spät sein könnte. Auch, wenn sie sich zwischenzeitlich von einer ménage à trois  oder auch à quatre ablenken lassen, finden sie schließlich eine Spur, die über verschiedene Länder nach Mexiko führt, genauer nach Santa Teresa. Doch was tut ein über 70-jähriger deutscher Schrifsteller, der regelmäßig für den Nobelpreis gehandelt wird, in einer mexikanischen Grenzstadt? Die Kritiker finden es nicht heraus, hören dafür aber zum ersten Mal von den Morden in Santa Teresa, von denen bisher keinerlei Nachricht den Weg nach Europa gefunden hat. Statt ihrem literarischen Idol, dem sie hinterherjagen, finden sie Gewalt, Gleichgültigkeit und die Abgründe der menschlichen Möglichkeiten, denen man als europäischer Literatur-Kritiker lieber den Rücken zukehren würde.

Diesen Luxus hat Amalfitano, dem der zweite Teil des Buchs gewidmet ist, nicht. Nachdem seine Frau ihn mit der gemeinsamen Tochter Rosa allein zurückgelassen hat, um einem Traum hinterherzujagen, schlägt der Philosphie-Professor sich durch, bis er schließlich einen Ruf an die Universität von Santa Teresa erhält. Er ist froh über die Stelle, doch er hat in jedem Augenblick Angst um seine Tochter, die perfekt ins Schema der Mörder passen würde. Natürlich wusste Amlfitano nichts von den Morden, bevor er nach Santa Teresa kam. In Barcelona, wo Rosa und er vorher lebten, hörte man natürlich nichts darüber.

Rosa lebt erstaunlicherweise relativ unbeschwert in Santa Teresa, geht abends mit ihren Freundinnen aus und kennt auch so manche zwielichtige Gestalt – was in dieser Stadt nicht ausbleibt, wenn man mit Leuten zu tun hat, die Geld haben. In einem Club trifft sie Fate – Namensgeber des dritten Teils des Romans -, einen Journalisten aus New York, der vertretungsweise über einen Boxkampf in Santa Teresa schreiben soll. Als er von den Morden hört, möchte er viel lieber über diese schreiben, weil er sie für wichtiger hält. Doch in seiner Redaktion will man davon nichts wissen. Eine mexikanische Journalistin, die über die Morde berichten soll und daher um ihr Leben fürchtet, bietet ihm an, ihm den Hauptverdächtigen vorzustellen, mit dem sie einen Interview-Termin im Gefängnis hat. Klaus Haas ist der einzige Ermittlungserfolg der Polizei von Santa Teresa, dabei ist nicht einmal klar, ob er wirklich für die Morde verantwortlich ist. Zumindest gehen sie weiter, als er längst im Gefängnis sitzt. Unheimlich ist der riesige und düstere Mann aus Deutschland auf jeden Fall.

Der vierte Teil des Romans – der Teil von den Verbrechen –, der fast 400 Seiten lang ist, ist den Morden gewidmet, den Ermittlungen und vor allem den Ermordeten. Nüchtern, im Stil eines Polizeiberichts, respektvoll und nie voyeuristisch beschreibt Bolaño eine große Anzahl an Leichen, die gefunden werden, und berichtet, was offensichtlich mit diesen Frauen vorher passiert ist. Dazwischen finden sich Erzählungen über die ermittelnden Polizisten, über Politiker und Journalisten sowie über Klaus Haas, den Hauptverdächtigen. Dabei entsteht ein Bild einer Stadt, in der das Leben einer Frau nichts zählt, weil sie jung ist oder weil sie alt ist, weil sie einen Job hat oder keinen, weil sie Mutter ist oder eben weil sie keine ist – am Ende immer, weil sie eine Frau ist. Dass in einem sozialen Umfeld, in dem Polizisten frauenverachtende Schenkelklopfer erzählen und sich fröhlich in ihren Berechnungen übertrumpfen, über wie viele „Kanäle“ man eine Frau vergewaltigen kann, deutlich mehr Morde geschehen als aufgeklärt werden, wundert einen überhaupt nicht.

Der fünfte Teil des Buchs ist Benno von Archimboldi, dem Schriftsteller gewidmet, der eigentlich immer ein schwieriges Verhältnis zur Sprache hatte und im Zweiten Weltkrieg mit ansah, wozu der Mensch fähig ist. Am Ende erfährt man auch, was dieser Mann in Mexiko sucht, und spätestens da schließt sich der Kreis des Romans.

Viele der unzähligen Themen und Erzählungen in 2666 haben ihren Ursprung in der Wirklichkeit und sind nur leicht verfremdet, wie die Morde in Santa Teresa selbst. Tatsächlich gibt es auch ein reales Vorbild für Klaus Haas. Abdul Latif Sharif stammte aus Ägypten und wanderte wie Haas im Roman zunächst in die USA aus, von wo er nach Mexiko floh, um einer Anklage wegen eines Sexualdelikts zu entgehen. Er wurde für drei Morde verurteilt und galt als Hauptverdächtiger, obwohl es zahlreiche weitere Opfer nach seiner Verhaftung und selbst nach seinem Tod im Jahr 2006 gab.

„Alles in diesem Land ist eine Anspielung auf die Dinge dieser Welt, einschließlich der Dinge, die es noch gar nicht gibt“, sagte er.

Dass aus dem Ägypter Abdul Latif Sharif der Deutsche Klaus Haas wird, der – vielleicht – der Initiator der Mordserie ist, der Hunderte Nachahmer „inspiriert“, ist keine Laune von Bolaño, sondern eine bewusste Entscheidung. Nicht nur im Zusammenhang mit den Kriegserlebnissen von Benno von Archimboldi denkt man gleich an Celans Zeile aus der Todesfuge: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Wenn man von manipulierten Dieselfahrzeugen absieht, gibt es vor allem zwei Dinge, für die Deutschland in der Welt bekannt ist: die Literatur und das systematische Morden. Zwischen diesen beiden Extremen – durch Gedanken und Sprachen der Welt ein bisschen Sinn abtrotzen und ihn weitergeben oder die eigene Macht und Stärke nutzen, um Selbst- und Fremdenhass auf brutale Weise auszuleben und jedes andere Leben zu dominieren – bewegt sich der Mensch.

Der Tod ist ein Meister aus dem Land der Dichter und Denker. Nirgends wird die Entfernung zwischen den beiden Polen des Menschenmöglichen so offenbar wie in der deutschen Geschichte. Zwischen Goethe und Göring ist alles möglich. Dass ein Mensch besonders klug, besonders intellektuell ist, heißt damit noch lange nicht, dass er sich nicht auch am anderen Ende der Skala wiederfinden lässt. Damit kommt Bolaño zum selben Schluss wie Horkheimer und Adorno, nur eben im Roman. Und allumfassender. Die Dialektik des Menschen sozusagen. „Von allen Tieren ist der Mensch das einzige, das grausam ist. Keines außer ihm fügt anderen Schmerz zum eigenen Vergnügen zu“, schrieb Mark Twain. Es ist auch das einzige, das Romane schreibt. Diese Tatsache an sich ist so absurd, dass kein Schriftsteller sie sich ausdenken könnte.

2666 ist ein Roman, den man sich erarbeiten muss, den man nicht aus Spaß am Lesen liest, sondern aus dem Bedürfnis heraus, die Welt ein Stückchen besser zu verstehen. Das Buch stand lange bei mir im Regal, nicht, weil es mich nicht interessiert hätte, sondern weil ich immer aktuellere, kürzere oder auch fertigere Bücher (Bolaño schaffte es vor seinem Tod nicht ganz, den Roman zu vollenden, was man ihm aber nur an zwei Stellen anmerkt) lesen wollte. Dieses Jahr zu Ostern gastierte die französische Schauspielgruppe Si vous pouviez lécher mon coeur um Regisseur Julien Gosselin im Kölner Schauspielhaus und bot eine fantastische 12-stündige Inszenierung des Stoffs, nach der ich den Roman auf jeden Fall lesen musste. (Sollte sich euch die Möglichkeit bieten, das Stück zu sehen, so macht das auf jeden Fall. Lasst euch nicht von der Dauer, dem Thema oder der Tatasache, dass das Ganze zu großen Teilen auf Französisch stattfindet, abschrecken. Ich komme auch gerne mit.) Wie das Stück auch war das Buch keine leichte Kost. Es ist teilweise eine Zumutung, der man sich nur minutenweise aussetzen kann, weil man gezwungen wird, hinzuschauen, wo alle Welt wegschaut, weil es einem einen Spiegel vorhält und Mechanismen entlarvt, die überall gleich funktionieren und weil es kein besonders hoffnungsvolles Buch ist.

Aber gleichzeitig ist es ein ehrliches Buch, ein respektvolles, eins, das einem die Augen öffnet, wenn man sie sich öffnen lassen möchte, und das zeigt, dass der Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeit nicht allein von denen geführt werden kann, die sie eben nicht haben. Bolaño zeigt seine fantastische erzählerische Gabe, wenn er Episoden und Versatzstücke zu einem Erzählteppich verwebt, aus dem einerseits ein großes Ganzes entsteht, dessen einzelne Elemente aber ebenso deutlich in Erinnerung bleiben. Vielleicht ist 2666 nicht hoffnungsvoll, aber doch zumindest differenziert, und darum eben auch nicht hoffnungslos. Und ja, am Ende ist man der Antwort auf die Frage, was diese Welt eigentlich ist, was wir Menschen sind und wie dieses ganze unüberschaubare Geflecht funktioniert, vielleicht ein kleines Stück näher gekommen. Und das passiert viel zu selten.