Auch, wenn wir sie leugnen, prägt uns unsere Herkunft Die Affekte von Rodrigo Hasbún

Auch, wenn wir sie leugnen, prägt uns unsere Herkunft Die Affekte von Rodrigo Hasbún

14. Januar 2018 0 Von Yvonne

Gerade in Deutschland waren die linksgerichteten Aktionen der 68er-Bewegung nicht nur Protest gegen den Kapitalismus, sondern auch der Versuch einer Abgrenzung zur Eltern-Generation, die direkt oder indirekt an den Nazi-Verbrechen beteiligt war. Eine ganze Generation distanzierte sich von den Verbrechen ihrer Vorgänger und tat dies teilweise auf radikale Weise.

Ein besonderes Beispiel der Radikalisierung der Nachfolge-Generation ist das von Monika Ertl. Ihr Vater, Hans Ertl, war der Chef-Kameramann von Leni Riefenstahl und drehte Propaganda-Filme für die Nazis. Als seine Kunst in den Nachkriegsjahren nicht die selbe Wertschätzung fand, man ihn teilweise mit Berufsverbot als Kameramann belegte, tat er, was viele Alt-Nazis taten. Er wanderte nach Südamerika aus, um noch einmal ganz von vorne anzufangen, genauer nach Bolivien. Mit dabei: seine Ehefrau und seine drei Töchter, darunter Monika.

Monika wählte ein auf den ersten Blick völlig anderes Leben als der Vater. Begleitete sie ihn als junges Mädchen noch auf seinen Expeditionen, mit denen er seinen Ruf als Filmemacher wieder herstellen wollte, so wandte sie sich später als junge Frau völlig von allem ab, was der Vater verkörperte. Sie distanzierte sich von allem, was kapitalistisch, deutsch und traditionell war. Sie ließ sich von ihrem Ehemann scheiden und schloss sich der marxistisch ausgerichteten Nationalen Befreiungsarmee Boliviens an.

Die Guerilla-Kämpfer taten sich in Bolivien allerdings deutlich schwerer als einige Jahre zuvor in Kuba, so dass die Gruppierung starke Verluste erlitt – darunter den Tod von Che Guevara. Monika Ertl erlangte wenige Jahre später Bekanntheit, als sie Polizei-Oberst Toto Quintanilla erschoss, den mutmaßlichen Hauptverantwortlichen an der Erschießung Guevaras. Abschließend geklärt wurde ihre Täterschaft nie, da die Täterin fliehen konnte.

Die Affekte zeigt Geschichte als Geschichte der Betroffenen

In Die Affekte erzählt Rodrigo Hasbún die Geschichte von Monika Hertl aus Sicht ihrer Familie nach. Vater, Mutter, Geschwistern, dem Schwager und auch Monika selbst verleiht der Autor eine Stimme. So wird diese historische Epoche zur persönlichen Geschichte einer Frau und ihrer Herkunft. Gerade dies macht dieses Buch so lesenswert, selbst wenn man mit der Geschichte Ertls vertraut ist. Natürlich ist die erzählte Biographie in großen Teilen fiktionalisiert. Dies ist immer dann der Fall, wenn es um persönliche Erlebnisse und Ansichten geht. Habún, der selbst aus Bolivien stammt und mittlerweile in den USA lebt, erreicht mit seinem Roman aber dennoch, dass man Geschichte als das erkennt, was sie ist: Die Geschichte von Menschen, von persönlichen Entscheidungen, von Konsequenzen der Handlungen einzelner.

Der Roman zeigt eindrucksvoll, auf welche Teilelemente weltgeschichtliche Ereignisse heruntergebrochen werden können. Zudem bringt er durch die verschiedenen, sprachlich perfekt ausgearbeiteten Erzählstimmen unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehen. Denn nicht nur geschichtliche Ereignisse sind komplex, auch die Menschen, die diese prägen. Monika, die Guerilla-Kämpferin, Monika, die psychisch labile Schwester, Monika die Lieblingstochter – um sich der Person zu nähern, die am Ende (wahrscheinlich) Che Guevara rächte, braucht es viele Sichtweisen.

Die Affekte hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt, und das, obwohl ich die Geschichte hinter der Geschichte vorher schon kannte. Der eigentliche Reiz des Romans liegt aber auch vielmehr in der Verknüpfung zwischen Persönlichem und Politischem. Wer gerne solche Geschichten liest, wird in Die Affekte einen gelungenen Perspektivwechsel auf das historische Geschehen finden.