Von Menschen und Meerjungfrauen Die letzte Reise der Meerjungfrau: oder wie Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde von Imogen Hermes Gowar

Von Menschen und Meerjungfrauen Die letzte Reise der Meerjungfrau: oder wie Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde von Imogen Hermes Gowar

15. Juli 2018 0 Von Yvonne

1785 in London schien nahezu alles möglich. Gerade einmal fünfzehn Jahre vorher hatte James Cook Australien für die britische Krone reklamiert und die ersten Kängurus gesichtet. Nach bald 300 Jahren, in denen neue Erdteile und unglaubliche Wesen entdeckt wurden, hielt man alles für denkbar. Und so sieht der Londoner Kaufmann Jonah Hancock in der Meerjungfrau, für die sein Kapitän auf seiner letzten Mission Hancocks Schiff versetzt hat, vor allem ein Ärgernis.

Noch dazu sieht diese Meerjungfrau gar nicht so aus, wie man sich das vorstellt. Kein schillerndes, wunderschönes Meereslebewesen, sondern eine unkenntliche, kleine und bereits tote Kreatur, vor der man allenfalls erschrecken kann.

Auch, wenn ganz London ein solches Wesen noch nie gesehen hat und sicher bereit ist, für einen Blick auf das Wesen Geld zu bezahlen, hat Hancock nicht vor, einen Wanderzirkus zu betreiben. Noch dazu liegt seine Schwester, Mrs Lippard, ihm in den Ohren, dass diese scheußliche Kreatur ein schlechtes Bild auf die gesamte Familie wirft – zumal sie ihre jüngste Tochter Sukie bei Hancock lebt.

Hancock selbst ist kinderlos und lebt – abgesehen von Sukie und einer Hausangestellten – allein. Seine Frau und seinen Sohn Henry hat Hancock bei dessen Geburt verloren hat. Noch immer trauert er um die Möglichkeit, Vater zu sein und seinen Sohn aufwachsen zu sehen. Die neue Aufgabe, die diese Meerjungfrau durch ihre bloße Existenz stellt, könnte ihn von seinen Gedanken abbringen und ihm außerdem einen Teil des Geldes zurückbringen, den der Verlust seines Schiffs ihm eingebracht hat. Also stellt er sie dann doch aus – und wird schnell von schaulustigen Londonern überrannt, die ihm gerne Eintritt zahlen, um sich mal so richtig schön zu gruseln.

Auf diesem Wege lernt Mr Hancock Mrs Chappell kennen, die das bekannteste Bordell der Stadt betreibt. Sie will die Meerjungfrau mieten, um ein Fest zu veranstalten, das ihre Kunden begeistern soll. Der Betrag, den sie bietet, ist so hoch, dass Hancock schließlich einwilligt, und auch selbst bei dem Fest – das sich als Orgie entpuppt – erscheint. Dort lernt er Angelica Neal kennen, die mit ihren 27 Jahren schon fast zu alt ist für ihren Beruf, gerade aber ihren „Beschützer“ verloren hat und nun in Mrs Chappells Schuld steht. Sie soll sich um Mr Hancock kümmern, dieser verliebt sich in sie, doch ehe aus Angelica Neal Angelica Hancock werden kann, verlangt diese von ihm, eine zweite Meerjungfrau zu finden, die nur ihr gehören soll. Doch was beim ersten Mal mit viel Glück verbunden war, sorgt beim zweiten Versuch für neue Verluste.

Die Themen in Die letzte Reise der Meerjungfrau oder: Wie Jonah Hancock über Nacht zum reichen Mann wurde sind vielfältig, und die letzte Reise der Meerjungfrau oder Hancocks plötzlich erworbener Reichtum sind ganz sicher nicht die wichtigsten davon.

Stattdessen dreht sich im Roman vieles um Verlust und darum, was dieser mit einem macht. Jonah Hancock hat seine Frau und seinen Sohn verloren und außerdem – so glaubt er – die Aussicht auf ein normales Familienleben. Angelica Neal verliert ihren Status, Angelica Hancock sehr schnell die Hoffnung. Jeder im Roman geht mit den erlittenen Verlusten anders um, aber jeder versucht es allein, weil es bei all den ähnlichen Errlebnissen doch kein gemeinsames zu geben scheint. Der Verlust nimmt nicht nur die eine Sache, den einen Menschen, den man geliebt hat, sondern auch die Möglichkeit, diese Erfahrung zu teilen und so besser zu verarbeiten.

Und so habe ich in Die letzte Reise der Meerjungfrau die schönsten (und wahrsten) Zeilen zum Thema Verlust gefunden, die ich je gelesen habe:

A loss is not a void.
A loss is a presence all its own; a loss takes up space; a loss is born just as any other thing that lives.

Ein weiteres, eher hinter der eigentlichen Geschichte liegendes Thema des Romans ist die Verknüpfung von Kapitalismus und Unterdrückung. Mehrfach dachte ich an Jenny Fields‘ Satz aus Garp und wie er die Welt sah: „In dieser Welt mit ihrer schmutzigen Phantasie ist man entweder jemandes Frau oder jemandes Hure – oder auf dem besten Wege, das eine oder das andere zu werden.“ Im London des 18. Jahrhunderts ist dies gar keine besondere Beobachtung, sondern Tatsache. Wer niemanden hat, der für ihn sorgt, muss für sich selbst sorgen. Und am Ende ist die einzige Möglichkeiten, wie Frauen Teilhabe an der Wirtschaft haben können, der Verkauf ihrer selbst.

Doch es sind nicht nur Frauen, die zu spüren bekommen, dass Grundrechte finanziell verdient sein müssen. Eine der interessantesten Nebenfiguren des Romans – Polly – hat eine schwarze Mutter und einen weißen Vater und somit anders als die anderen Mädchen in Mrs Chappells Etablissement keinerlei Hoffnung darauf, dass einer der Freier sie eines Tages heiraten könnte. Ihre eigene Alternative zur Prostitution bei Mrs Chappell ist die Prostitution auf der Straße. Denn Teilhabe ist im 18. Jahrhundert weißen Männern aus gutem Hause oder mit ausreichend Geld vorbehalten.

Die letzte Reise der Meerjungfrau war für den Women’s Prize for Fiction 2018 nominiert und stand dort sogar auf der Shortlist. Der Roman entwirft ein realistisches und sehr lebendiges Bild der Umstände im England des 18. Jahrhunderts, berührt wichtige Themen und bietet eine teils fantastische Geschichte. Anfangs empfand ich die Erzählung als etwas langatmig, spätestens ab dem zweiten von drei Teilen konnte ich das Buch jedoch nicht mehr aus der Hand legen.