Was wir nicht sehen können Sight von Jessie Greengrass

Was wir nicht sehen können Sight von Jessie Greengrass

23. Juli 2018 0 Von Yvonne

Schon immer haben Menschen versucht, herauszufinden, was ihnen bisher verborgen blieb. Forscher-Journale, Epen und sogar die Bibel erzählen von dem Wunsch des Menschen, alles mit dem Verstand zu durchdringen.

Diese Suche nach Erkenntnis, nach mehr Wissen, nach tiefem Verständnis macht auch vor uns selbst nicht halt. Denn auch, wenn wir mittlerweile wissen, wie man Elektrizität erzeugt, wie man Ozeane überquert oder ins All fliegt – so richtig verstanden, was der eigentlich Mensch ist, haben wir noch nicht.

Jessie Greengrass macht sich in ihrem Debütroman Sight während ihrer zweiten Schwangerschaft Gedanken ganz grundsätzlicher Natur. Sie möchte verstehen, wer sie ist und wie die Beziehungen zu ihren Mitmenschen – zu ihrer verstorbenen Mutter, ihrem Mann, ihren Kindern – sie definieren. Dabei kehrt sie gedanklich zurück zu den beiden Ereignissen, die ihr Leben am stärksten verändert haben: den Tod ihrer Mutter, als Greengrass selbst kaum erwachsen war, und die Entscheidung, selbst Mutter zu werden.

Episodenweise schildert sie ihr jetziges Leben, ihr Leben als junge Frau und die Monate vor der Entscheidung, ein Kind zu haben. Dabei stellt sie immer wieder fest, was es ist, das sie und ihre Familie zusammenhält: Kleinigkeiten, der Alltag, Routine.

In the evenings, after Johannes has come down from his office, we sit together, all three of us, and talk about the days we’ve had and sometimes we are happy and sometimes we are tired and cross and each minute is an effort of patience. We make dinner. We put our child to bed. This is what routine is like, or love.

Nachhaltig verwundet durch den Tod der Mutter tut sie sich schwer damit, selbst die Entscheidung zu treffen, ein neues Leben in die Welt zu setzen. Und erst Jahre später stellt sie fest, dass sie an einer Depression litt, während sie um ihre Mutter trauerte.

[…] and this is the thing about death, that time lessens hurt but multiplies loss.

Diese sehr persönlichen Erzählungen verwebt Greengrass in den drei Teilen von Sight mit den Lebensgeschichten dreier unterschiedlicher Wissenschaftler, deren gemeinsames Ziel jedoch war, auf die ein oder andere Weise in den Menschen hineinzuschauen. Wilhelm Röntgen, der es mit den nach ihnen benannten Strahlen schaffte, das Innere des menschlichen Körpers sichtbar zu machen, Sigmund Freud, der den Menschen psychoanalytisch untersuchte, sowie John Hunter, ein experimenteller Chirurg, eint die Sicht nach innen auf den Menschen. Doch Erkenntnis konnten auch die drei nicht gewinnen, zumindest keine grundlegende.

[…] but the price of sight is wonder’s diminishment.

Jessie Greengrass‘ Buch ist kein Roman im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist es eine Vermischung verschiedener Textformen, die alle den Blick nach innen, auf das Wesen des Menschen, richten. Die Antwort, die Greengrass‘ auf die Frage gibt, wer sie ist, ist ebenso einfach wie schön: Nicht etwas ungewöhnliches, exotisches, das wir erst erobern müssen, sind wir, sondern wir sind unsere Handlungen im Alltag, das, was wir wieder und wieder tun, und was unser Leben mit Struktur und vielleicht sogar mit Sinn erfüllt.

Sight war nominiert für den Women’s Prize for Fiction 2018.