Quasi dasselbe mit anderem Vorzeichen The Power von Naomi Alderman

Quasi dasselbe mit anderem Vorzeichen The Power von Naomi Alderman

7. Februar 2018 2 Von Yvonne

Ich habe den ersten Roman meiner ersten Lesereihe beendet und bin seit Tagen deprimiert. Und zwar nicht ein wenig traurig, ein bisschen schlecht drauf, sondern mitgenommen, erschüttert und unglücklich. Ich schlafe und träume sogar schlecht. Und das alles wegen eines Buchs, das ich gelesen habe, das ich wieder lesen würde (und sicher werde) und das ich jedem nur ans Herz legen kann. Auch wenn es gravierende Nebenwirkungen hat. Denn The Power von Naomi Alderman ist ein hartes Buch, ein verstörendes, hoffnungsloses, aber vor allem ein wahres. Es zeigt ein Bild unserer Welt und vor allem ihrer dominierenden Spezies, bei dem man immer wieder nur traurig nicken und leise „Ja, leider“ sagen kann. Ich habe mehrere Wochen daran gelesen, obwohl es sehr spannend und eingängig ist, weil ich zwischendurch immer wieder Pausen brauchte, um mich vom gerade Gelesenen zu erholen.

Dabei beginnt The Power beinahe witzig, aber eben nur beinahe. Die eigentliche Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, eine verkehrte Welt, in der Neil, der fiktive Autor des Romans, seiner Verlegerin Naomi in einem Brief sein Manuskript schmackhaft machen möchte. Der Briefwechsel zwischen den beiden, der am Ende des Buchs noch fortgesetzt wird, wirkt absolut typisch, allerdings mit vertauschten Geschlechter-Rollen. Neil, der ein mutiges und sehr gutes Buch geschrieben hat, versucht, nicht zu offensiv aufzutreten und möchte vor allem nett scheinen. Naomi macht ein paar halb-zotige Witzchen und ist sich ihrer Überlegenheit völlig sicher. Jovial-herablassend gratuliert sie Neil dazu, dass er auch ein paar Männer in Uniform in sein Manuskript eingebaut hat. Schließlich verkaufen sich solche Storys immer gut, ist ja so schön sexy. Ganz klar: Diese Verlegerin ist ein sexistisches Arschloch. Und zwar ein weibliches.

Dieser Rollentausch, der einem auf nicht einmal zwei Seiten vor Augen führt, wie selbstverständlich auch heute, auch für uns das Geschlecht unser Verhalten und unsere Erwartungen beeinflusst und vor allem ein selbstverständlich erscheinendes Machtgefüge etabliert, gibt bereits einen Ausblick auf das, was The Power für seine Leser bereit hält. Es ist zeitlich heute angesiedelt und es beginnt mit etwas, wovon die Menschheit fast vergessen hat, dass es existiert: einem evolutionären Schritt. Er zeigt sich zunächst bei Mädchen in der Pubertät. Diese verfügen plötzlich über die Fähigkeit, über ihre Hände Elektrizität zu erzeugen. Was als vereinzeltes Phänomen auftritt, entpuppt sich bald als Auftakt zu einer grundlegenden Veränderung. Offensichtlich verfügen alle jungen Frauen über ein neues Organ, einen Strang, über den sie Elektrizität erzeugen und ausstoßen können. Und auch ältere Frauen haben teilweise einen Strang, der durch jüngere Frauen aktiviert werden kann. Keinen solchen Strang haben Männer. Und damit werden die Karten neu gemischt, denn plötzlich sind die Frauen diejenigen, die körperlich überlegen sind.

Die Welt steht ein bisschen ratlos vor diesem Phänomen, allerdings nicht lange. Denn schließlich birgt diese Veränderung auch Möglichkeiten. Und es gibt einzelne Personen und Gruppierungen, die sich relativ schnell zurechtfinden unter den geänderten Rahmenbedingungen. Da ist zum Beispiel Allie, die regelmäßig von ihrem Stiefvater missbraucht wird, während ihre religiöse Stiefmutter das Radio lauter stellt, um nichts zu hören. Ihre neue Fähigkeit bringt für sie die Chance, sich aus ihrer persönlichen Hölle zu befreien und woanders ein anderes Leben anzufangen. Und dieses Leben widmet sie jungen Mädchen und Frauen wie sich selbst. Sie gewährt ihnen Schutz in einem Kloster, in dem sie selbst Unterschlupf findet und das sie bald ausbaut zur Basis ihrer neuen Weltanschauung. Sie nennt sich Mother Eve und wird zur Anführerin einer täglich wachsenden Gruppe von Frauen, die im Anbruch dieses neuen Zeitalters ein göttliches Zeichen sehen. Denn ganz spurlos ist der religiöse Fanatismus aus ihrem Zuhause dann doch nicht an ihr vorbeigegangen.

Doch auch Politiker und Politikerinnen, die Presse und das organisierte Verbrechen finden Wege, sich die neue Situation zu eigen zu machen. Bald gibt es privat finanzierte Trainingscamps, in denen Mädchen üben können, ihre neue Stärke zu kontrollieren, und nebenbei zu Soldatinnen ausgebildet werden. Ein neuer Staat entsteht, in dem Männer bald völlig entrechtet werden und in Flüchtlingscamps ausharren, um zu entkommen – dort allerdings vom weiblichen Militär aufgespürt werden. Medien und Werbung setzen verstärkt auf ein starkes Frauenbild, das von sich gerne dominieren lassenden Männern flankiert wird. Verschwörungstheorien erleben eine Blütezeit und radikale Männer-Gruppierungen wollen ihre Vormachtsstellung mit Gewalt zurück erobern – während gleichzeitig radikale Frauenvereinigungen ausrechnen, wie viele Männer man überhaupt braucht, um die Welt am Laufen zu halten. Je stärker die Frauen werden, je mehr sie sich an ihre neue Macht gewöhnen, desto mehr verhalten sie sich wie Männer. Selbstsicher, dass nur sie in der Lage sind, zu entscheiden, wie es mit der Welt weitergehen soll, pragmatisch, wenn es um Fragen der Machterlangung oder -erhaltung geht und teilweise auch diskriminierend oder gewalttätig. Natürlich wollen die meisten der Frauen den Männern die gleichen Möglichkeiten einräumen, wollen ihnen genau so viel überlassen wie den Frauen, aber allein dieses „einräumen“, dieses „überlassen“ zeigt die eigentliche Ungleichheit. Wo der eine dem anderen Rechte zugesteht, ist keine wirkliche Gleichberechtigung vorhanden.

Wohin das Ganze führt, zeigt die Rahmenhandlung, die in einer Welt lange nach den Ereignissen in The Power spielt. Es führt zu denselben Umständen nur mit anderer Rollenverteilung. Es wird sogar argumentiert, dass die unterschiedliche Verteilung von Stärke biologisch wichtig ist, weil Frauen schließlich Kinder bekommen, die sie beschützen müssen. Und was biologisch sinnvoll ist, kann man schlecht in Frage stellen, denn schließlich hat die Natur es so hervorgebracht.

The Power ist ein sehr politisches Buch, in dem man beim Lesen atemlos verfolgt, wie die Geschickten, die Schnellen Ereignisse nutzen, um sich selbst ein bisschen Macht zu sichern. Denn auch darauf richtet The Power den Blick: Es sind die Einzelnen, die Geschichte machen, und es ist die Gemeinschaft, die dies zulässt – und sich sogar wünscht. Denn – ein wiederholtes Thema im Roman – die meisten mögen es am liebsten, wenn alles nur möglichst einfach für sie ist. Wenn sie sich selbst keine Gedanken darüber machen müssen, was richtig oder falsch ist, sondern einfach Anweisungen befolgen dürfen. Und am besten noch über diese schimpfen. Ich habe so oft erlebt, dass Menschen lieber den bequemen als den aus ihrer eigenen Sicht richtigen Weg wählen, dass ich die traurige Botschaft aus Aldermans Buch sofort glaube. Wenn alles anders wäre, würde sich am Ende doch nichts ändern. Man würde eben jemand anderem folgen, die Rollen wären anders verteilt, aber genau so ungerecht. Das Problem an der fehlenden Gleichberechtigung ist nämlich nicht, dass es die Frauen sind, die meist benachteiligt werden. Das Problem ist, dass auch Gesellschaften, die sich für fortschrittlich halten, auf der Gleichung körperliche Stärke = Macht aufbauen, also auf Prinzipien, die 5.000 Jahre alt sind. Und das bedeutet, dass wir seitdem vielleicht noch nicht annähernd so weit gekommen sind, wie wir denken.

Ein besonders ernüchternder Satz, der immer wieder im Roman fällt, lautet „You can’t get there from here“. Damit ist im Kontext des Romans gemeint, dass eine gerechtere Welt nicht vom Status Quo aus erreicht werden kann, weil im Laufe der Geschichte zu viele falsche Abzweigungen genommen wurden. Ein Haus, dessen Fundament Risse besitzt, reißt man am besten ab und baut es neu auf. Und nach der Lektüre von The Power fragt man sich unweigerlich: Ist das so? Können wir eine Welt, in der wirklich jeder Mensch gleich viel wert ist, in der nicht viele arbeiten, damit es wenigen gut geht, in der nicht das Geschlecht, die Hautfarbe, die Religionszugehörigkeit, die sexuelle Orientierung oder das Heimatland darüber entscheiden, welchen Weg man im Leben nehmen kann, nicht von hier aus erreichen, weil wir uns mittlerweile in eine Sackgasse manövriert haben? Solche Gedankengänge versetzen einen nach dem Lesen in eine düstere Stimmung, bis man sich daran erinnert, dass schon vieles geschafft wurde, dass die Menschheit vielleicht hin und wieder einen Schritt zurückgeht, aber dann auch wieder zwei vorwärts, und dass dies möglich ist, weil es Menschen gibt, die auf Ungerechtigkeiten hinweisen und die eine Veränderung so sehr wollen, dass sie dafür aktiv werden. Und zum Beispiel einen Roman wie The Power schreiben.

Der Roman heißt im Deutschen übrigens Die Gabe. Ich habe ihn im Urlaub auf Englisch gekauft, ohne zu wissen, dass es bereits eine Übersetzung gibt. Bei meiner späteren Recherche zu dem Buch habe ich dann festgestellt, dass er auch schon auf Deutsch erschienen ist. Mit diesem Titel. Und ich frage mich, ob derjenige, der ihn ausgesucht hat, das Buch überhaupt gelesen hat. The Power handelt von Macht, von Kraft, von Stärke, von Elektrizität – also von den verschiedenen Übersetzungsmöglichkeiten des Worts power – und davon, dass die Ungleichverteilung dieser Dinge unweigerlich zu einer ungerechten Welt führt. Es handelt ganz sicher nicht von einer Gabe, also einem Geschenk, dass immer auch einen Schenkenden oder Gebenden voraussetzt, und den Empfänger kraft- und machtlos, also schwach, zeichnet. Und es hätte zahlreiche andere Möglichkeiten der Übersetzung gegeben.

Es gehört wohl zu den oben erwähnten Nebenwirkungen der Lektüre von The Power, dass man empfindlich wird für solche sprachlichen Feinheiten, wenn man es nicht ohnehin schon ist. Denn der Perspektivwechsel, dem man sich unterzieht und bei dem man traurig, hart und grausam findet, was heute vielerorts passiert und als tragisch, aber nicht so leicht änderbar hingenommen wird, sensibilisiert noch mehr für die leisen Töne, die verraten, was eine Gesellschaft in Summe wirklich denkt. Wenn Frauen über Nacht stärker werden, kann das nur ein Geschenk sein, das ihnen jemand gemacht hat.

Ich habe einige Zeit und viele Gespräche gebraucht, um The Power zu bewältigen. Dennoch bin ich sehr froh, dass ich das Buch gelesen habe, weil es so deutlich wie kein anderes, das ich je gelesen habe, den Finger auf all die kleinen und großen Wunden legt, die mit dem Thema Gleichberechtigung zusammenhängen. Denn die Tatsache, dass wir in einem Land leben, in dem man Universitätsprofessorin, Ärztin oder Bundeskanzlerin werden kann, heißt ja nicht, dass die Gender-Problematik überall auf der Welt gelöst wäre. Und so lange das Geschlecht einer Frau immer noch eine Bemerkung wert ist, während das Männliche das „Normale“ ist, ist sie das auch bei uns nicht.

Erster Satz: „Dear Naomi, I’ve finished the bloody book.“

Fünf andere Rezensionen zu The Power: